Fallbeispiel

KI-Basisschulung – ChatGPT verstehen, statt nur darüber zu reden

Wie bringt man Mitarbeitenden bei, ChatGPT sicher und wirksam im Arbeitsalltag einzusetzen, ohne sie mit einer Liste von Regeln zu überfahren? Ein Blick hinter die Kulissen einer zweiteiligen Online-Weiterbildung für ein Unternehmen im Sozialversicherungsbereich.

Format
Online-Weiterbildung, zwei Teile
Zielgruppe
Mitarbeitende ohne KI-Vorkenntnisse
Umfang
2 Termine mit Transferphase dazwischen
Meine Rolle
Konzeption & Durchführung

Die Ausgangslage

KI wurde genutzt wie an vielen Orten: informell, unkoordiniert und ohne gemeinsames Verständnis davon, was eigentlich riskant ist. Dies sollte die Anschaffung von Lizenzen, damit einhergehenden offiziellen Accounts und eine KI-Weisung ändern. Bevor die Mitarbeitenden eine offizielle ChatGPT erhalten, absolvieren sie eine Basis-Weiterbildung. Eine reine Regel-Schulung hätte das Problem nicht gelöst: Wer nicht versteht, warum eine Information heikel ist, vergisst die Regel, sobald der Alltag wieder zuschlägt. Gefragt war eine Weiterbildung, die Verständnis statt Auswendiglernen aufbaut und die Mitarbeitenden von der ersten Minute an selbst denken und formulieren lässt, statt sie nur zuhören zu lassen.

Der Aufbau: zwei Teile mit Praxisphase dazwischen

Die Weiterbildung gliedert sich in zwei Online-Termine, getrennt durch eine mehrtägige Phase, in der die Teilnehmenden ChatGPT selbstständig im eigenen Arbeitsalltag ausprobieren. Teil 1 legt das Fundament, Teil 2 vertieft und schliesst den Kreis zur echten Praxis.

TEIL 1
Grundbegriffe, Risiken, erste Anwendung
KI, LLM, Prompt und Agent selbst herleiten; Risiken im Coaching-Gespräch mit der KI erarbeiten; erste eigene Prompts nach dem CRAFT-Framework schreiben.
TRANSFER
Ausprobieren im echten Alltag
Mehrere Tage selbstständiger Einsatz von ChatGPT bei der eigenen Arbeit, mit Auftrag, Erfahrungen und offene Fragen festzuhalten.
TEIL 2
Datenschutz vertiefen, GPTs erstellen
Erfahrungsaustausch aus der Praxisphase; praxisnahe Datenschutz-Fallbeispiele gemeinsam durchgehen; eigene GPTs erstellen.

Durchgehend gilt: erst selbst, dann Input

Statt Begriffe und Risiken einfach zu erklären, schreiben die Teilnehmenden zuerst selbst in den Chat, was sie schon wissen oder vermuten; die Definition kommt erst danach. Die Risiken einer KI-Nutzung erarbeiten sie nicht aus einer Liste, sondern im Gespräch mit einem eigens dafür formulierten Coaching-Prompt. Und in einem Rollenspiel mit Reflexions-Prompt erleben sie hautnah, wie schnell man im KI-Gespräch mehr preisgibt, als einem bewusst ist.

Warum das so gestaltet ist oder auch die Didaktik dahinter

Hinter der scheinbar einfachen Struktur stehen bewusste Entscheidungen, die auf aktueller Lernforschung beruhen. Die wichtigsten:

Zuerst selbst formulieren, dann Input erhalten

Konstruktivismus / Aktivierendes Lernen (Doolittle, Wojdak & Walters, 2023). Aktivierendes Lernen fördert nachweislich Behalten und Verständnis gegenüber reinem Zuhören. Deshalb steht am Anfang jedes Themenblocks eine eigene Auseinandersetzung: Begriffe selbst benennen, Risiken selbst herleiten, den eigenen Prompt selbst schreiben; sprich Inhalte werden selbst konstruiert und anschliessend durch mich ergänzt.

Lernen über Zeit verteilen statt in einer Sitzung bündeln

Spacing-Effekt (Latimier, Peyre & Ramus, 2021). Verteiltes Lernen verbessert die Behaltensleistung nachweislich gegenüber gebündeltem Lernen. Die zweigeteilte Struktur mit mehrtägiger Transferphase dazwischen festigt Wissen deshalb stärker als eine einzige, geballte Schulung. Teil 2 beginnt entsprechend nicht mit neuem Stoff, sondern mit dem Erfahrungsaustausch aus der Praxisphase.

Am konkreten Fall lernen statt an der abstrakten Regel

Fallbasiertes Lernen (Wijnia et al., 2024). Fallbasiertes Lernen steigert nachweislich Motivation und Engagement gegenüber lehrpersonenzentriertem Unterricht. Die Datenschutz-Fallbeispiele übersetzen abstrakte Regeln in konkrete, berufsnahe Szenarien, dadurch wird der Transfer in echte Arbeitssituationen wahrscheinlicher als bei allgemeinen Erklärungen. Gerade dieser Teil hat bei den Teilnehmenden nochmals viel Klarheit geschaffen, viel Diskussionen ausgelöst und wurde als besonders wertvoll empfunden.

Erleben statt nur hören

Erfahrungsbasiertes Lernen nach Kolb (Villarroel Henríquez, Castillo Rabanal & Santana Abásolo, 2025). Erfahrungsbasiertes Lernen fördert kritisches Denken und Problemlösefähigkeit, wenn die volle Erfahrungsschleife durchlaufen wird. Das Rollenspiel mit dem Reflexions-Prompt macht erlebbar, wie schnell man im KI-Gespräch mehr preisgibt, als einem bewusst ist; eine Erkenntnis, die eine blosse Warnung nie erzeugen könnte.

Das Ergebnis ist eine Weiterbildung, die nicht nur informiert, sondern befähigt, weil die Teilnehmenden das Verstandene selbst erarbeitet und im echten Alltag bereits erprobt haben.

Was Teilnehmende danach können

Am Ende der Weiterbildung können die Teilnehmenden nicht nur erklären, was ein LLM ist, sie haben eigene Prompts geschrieben, eigene GPTs erstellt und wissen aus eigener Erfahrung, wo im Arbeitsalltag Datenschutzrisiken lauern. Genau das war das Ziel: nicht Wissen über ein Tool, sondern die Fähigkeit, es souverän und regelkonform einzusetzen.

Lerntheoretische Grundlagen

Doolittle, P., Wojdak, K., & Walters, A. (2023). Defining active learning: A restricted systematic review. Teaching & Learning Inquiry, 11.

Konstruktivismus. (o. D.). Lernpsychologie. Abgerufen am 29. Juli 2026, von http://www.lernpsychologie.net/lerntheorien/konstruktivismus

Latimier, A., Peyre, H., & Ramus, F. (2021). A meta-analytic review of the benefit of spacing out retrieval practice episodes on retention. Educational Psychology Review, 33(3), 959–987.

Wijnia, L., Noordzij, G., Arends, L. R., Rikers, R. M. J. P., & Loyens, S. M. M. (2024). The effects of problem-based, project-based, and case-based learning on students' motivation: A meta-analysis. Educational Psychology Review, 36(1), Article 29.

Villarroel Henríquez, V., Castillo Rabanal, I., & Santana Abásolo, J. (2025). Applying Kolb's experiential learning cycle for deep learning: A systematic literature review. Social Sciences & Humanities Open, 12, 102096.

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